Raaben-Netz

Am Zenit des Oberflächlichen

Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub. Dann nämlich geht es wieder los. „Wie war’s denn?“ „Hattet ihr schönes Wetter?“ „Erzähl, was habt ihr gemacht?“ Nun, ich habe 14 Tage mehr oder weniger auf dem Bett unserer wunderschönen Ferienwohnung gelegen. Manchmal habe ich geweint, weil die Dreckshüfte so weh tat. Manchmal, weil wir so gar nichts machen konnten. Ich kann schlicht nicht mehr laufen, ich kann nicht mehr viel außer liegen und lesen.

Die Grenze zum Schuldhaften

Aber das ist nicht die richtige Antwort. Wir sind auf dem Zenit des Oberflächlichen. Unsere Welt ist heil, unsere Welt ist schön. Und wenn nicht, dann muss sie eben repariert werden. Und wenn sie nicht repariert werden kann, dann muss man sich halt etwas einfallen lassen. Nicht Gelingendes bewegt sich haarscharf an der Grenze zum Schuldhaften, zum Versagen.

Das Netz ist kein guter Ort, um Leiden zu teilen

Wir sind viele im Netz, das fällt mir jetzt auf, viele, die irgendeinen Packen zu tragen haben. Manche sind traumatisiert, viele sind einfach in sich absonderlich. Andere stecken voller Wut und dürften im Real-Live unerträglich sein. Viele sind körperlich krank, das Netz ermöglicht ihnen einen größeren Radius. Aber es kommt nicht zu einer Solidarisierung. Im Gegenteil. Das Netz ist kein guter Ort, um Leiden zu teilen. Und die Welt ist es auch nicht.

Mit wem reden?

Wohin nun mit dem, was nicht gelingt? Wem erzähle ich von meinem einzigen Kind, um das ich mich sorge Tag und Nacht? Mit wem rede ich über meine Angst zu versagen, über meinen Zweifel an mir selbst? Mit wem teile ich die – wahrscheinlich übertriebene – Furcht, dass das mit der Hüfte nicht wieder gut werden könnte, und mit wem rede ich über die Verwunderung darüber, dass Schmerzen so selbstbezogen und Einschränkungen so egoistisch machen?

Geteiltes Leid ist halbes Leid

All dies teile ich gerade mit euch, einer Welt-Öffentlichkeit. Weil ich aus der Vereinsamung heraus möchte, weil ich andere aus der Vereinsamung locken möchte. Weil ich Pastorin bin, mehr als alles andere. Weil ich glaube, das Nicht-Gelingendes sich in Gottes Augen wandelt. Weil ich davon überzeugt bin, dass geteiltes Leid halbes Leid ist. Und weil ich sicher bin, dass Christus selbst Leid trug, um uns im Leiden nah zu sein.

Und: Ja, wir hatten einen schönen Urlaub.

Von meinem Bett aus konnte ich in den Garten auf den Schmetterlingsbaum sehen, in ihm tummelte sich Leben. Wir waren in unserem Sehnsuchtsland Italien. Wir waren zusammen, wir haben Lachs gegessen und Wein getrunken. Wir haben Bücher gelesen, die wir sonst nicht geschafft hätten. Und Candy-Crush gespielt, kindisch und maßlos. Und manchmal ein bisschen geweint.