Raaben-Netz

Von der Reduktion der Worte

Twitter macht es vor: Wenn du etwas zu sagen hast, tu es in 140 Zeichen. Das ist der Zauber, das macht Twitter so schnell und so effektiv. Bei echten Twitter-Freunden kam die Aufstockung auf 280 Zeichen nicht gut an. Das geht am Medium vorbei, dafür ist Twitter nicht gemacht. Die Schwatzhaften sollen sich woanders austoben.

Die gute alte Zeit…..
Ich bin ja spät zu Twitter gekommen, war aber schon von Anbeginn des Social Media dabei. Erinnert ihr euch an ICQ? Damit begannen 1996 öffentliche Chaträume, und natürlich war ich mit unserem Analog-Modem dabei. Es kreischte beim Verbindungsaufbau durch das ganze Haus. StudiVZ kam erst 2005 und eröffnete die Social-Media-Welt. Die Anfänge von Facebook gehen auf das Jahr 2003 zurück. Twitter gibt es seit 2006.

Sprache reduziert sich
Mit diesen neuen Kommunikationsformen reduzierte sich Sprache. Die Kontakte wurden flüchtiger, schneller. Man schrieb nicht mehr ellenlange Briefe, sondern teilte sich kurz und knapp mit, ging in virtuelle Gespräche oder verabredete sich. Diese Verknappung hat Folgen: Heute kann kaum mehr jemand einem Kinofilm über die volle Länge folgen, ohne auf sein Smartphone zu gucken. Die Werbepausen bei den privaten Fernsehsendern sind allzu willkommene Breaks. Unsere Kinder wachsen in ständigem Multi-Tasking auf. Und wir haben keine Ahnung, wohin uns diese Entwicklung führt.

Vom Beginn der Verknappung
Eigentlich wollte ich hier vom Beginn der Verknappung erzählen. Ich begann 1988 mit der Radioarbeit. Drei Minuten hatte ich damals, keine Sekunde mehr. Und irgendwann fängt man an zu streichen: Füllwörter fallen weg, alles, was unnötig ist, alles schwatzhafte, überflüssige fällt dem, was damals noch Rotstift hieß, zum Opfer, manchmal ganze Gedankengänge, die zwar hübsch, aber nicht zielführend sind. Und ich entdeckte: Je kürzer, desto besser wurde der Text.

Die Aufnahmefähigkeit ausreizen
Ich steh zur Verknappung. Ich denke, wir müssen alle konzentrierter informieren lernen. Das betrifft Professoren, Lehrer und PastorInnen, Politiker und Ämter – die vor allem. Ich denke, dass wir alle multimedial denken müssen. Denn nur wenn mehrere Sinne angesprochen sind, reizen wir unsere Aufnahmefähigkeit aus und geben dem anderen genug Stoff, so dass er Lust hat zuzuhören.

Verknappung schafft Freiraum
Das Internet verändert uns. Diese Veränderung ist nicht unumkehrbar, so schlimm ist es also nicht, sich darauf einzulassen. Aber sie ist jetzt auf dem Weg und von daher unausweichlich. Ich finde, sie ist reizvoll. Sie lehrt uns – wenn wir denn lernen wollen – Präzision, Konzentration und Priorisierung. Wenn wir uns darauf einließen, wären Sitzungen kürzer, Protokolle präziser, Menschen klüger, Entscheidungen transparenter. Und wenn wir es richtig gut machen, schaffen wir uns Zeit, wirklich wichtige Dinge sorgfältig zu diskutieren und inhaltlich zu durchdringen.