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Von den Scherben im Spiegel

Eike ist 55. Und jeden Morgen, wenn sie in den Spiegel schaut und die Bürste mit viel Kraft durch die Unmengen irrer wirren Haare pflügt, schüttelt sie den Kopf und denkt: Wer in aller Welt hat sich das ausgedacht?

“Krause Haare, krauser Sinn” sagte man früher auf dem Dorf. Das war nicht wohlgemeint, es kam zischend und böse aus den Köpfen. Und Eike hatte schon als Kind viele krause Haare und einen sehr krausen Sinn. Auf dem Wickeltisch tanzte sie, erzählte ihre Mutter. Sie tanzte zu einer Musik, die nur sie alleine hören konnte. Aber jeder, der sie dabei beobachtete, konnte die Musik sehen.
Und später tanzte sie auf dem Ballsaal im Dorfkrug. Allein und selbstvergessen. Braungebrannt, zierlich und doch zornig von klein auf an. “Wie kaben de blots bi dat dore Kind?”, raunte es in den Reihen. Und es klang schadenfroh und ein ganz klein wenig neidisch.

Eike schaut in den Spiegel. Die Haare sind grau geworden, sie lässt sie so. Sie will endlich sein, wie sie ist, so, wie wer in aller Welt auch immer sie sich ausgedacht hat. Pult wieder zwei, drei Bürstenborsten aus den Locken. Keine Bürste macht es lange bei ihr. Das Gesicht ist kantig geworden in den Jahren, und sich selber anzulächeln ist ihr immer schwergefallen.

Sie war ein Kind voller Wünsche, so eins, das man keinem wünscht. Sie griff nach den Sternen und rannte gegen Wände, sie schlug im Zorn mit den Türen, so dass die Scheiben zerbarsten. Heute schleppt sie das Porzellan, das sie zerschlagen hat, mit sich herum wie eine Wohnungslose ihre schäbigen Habseligkeiten. Manchmal nimmt sie eine Scherbe in die Hand, hält sie lange und flüstert: “Es tut mir so leid. Es tut mir so sehr leid.”

Da steht sie vor dem Spiegel. Sie hat viel erreicht. Mehr als sie verdient hat, mehr als das Leben auf dem Dorf für sie bereit gehalten hat. Sie trägt die Wunden von den vielen Wänden mit sich herum, sie trägt sie im Gesicht und an den Händen. Manchmal ist sie es leid, durch die Haare zu pflügen als wären sie ihr ärgster Feind. Manchmal ist sie müde.

“Wer hat sich das bloß ausgedacht?”, denkt sie und zieht die Verlierer-Haare aus der Bürste. Sie sieht in den Spiegel, zieht eine Grimasse, findet sich selbst kein Stück komisch. “Gott hat sich das ausgedacht”, flüstert der Spiegel. Und dann lächelt sie doch. Und geht mutig in den neuen Tag.