Raaben-Netz

Das Glück kommt auf leisen Schwingen

Fünf Wochen, zwei OP’s, unzählige Therapeuten, Pflegende und Ärzte – ich habe so viel erlebt in dieser Zeit, und doch scheint sie mir unendlich leer und verloren. Draußen wurde es Frühling und Sommer, aber ich war mit mir selbst beschäftigt.

Alles wird gut

Erst einmal: Ja, es geht mir gut. Jetzt passt alles, ich brauche keine Schmerzmittel mehr, es wird nicht mehr lange dauern, bis auch ich zu den Jubelhüftlern gehöre, zu denen, die predigen, wie schön das neue Leben ist und dass zu zögern sich nicht lohnt. Ich bin nur überrascht, wie schwer es war und ist. Es ist viel mühsamer als erwartet. Aber es wird gut werden, ganz bestimmt. Ich bin voller Zuversicht.

Irgendwie aus dem Netz gefallen

Mehr als 14 Tage war ich im Krankenhaus, von den Narkosen noch viel zu benebelt, um irgendetwas Gescheites zu tun. Stattdessen habe ich Netflix geguckt. Und Candy Crush gespielt. Und mich wahnsinnig gelangweilt. Und natürlich gehen geübt. Das Netz an sich – ich will nicht sagen, dass es bedeutungslos wurde Aber ich hatte kaum Lust, von mir zu erzählen, selber zu posten. Ich war verärgert über belanglose dienstliche Anfragen, die mich per Mail erreichten. Meine Anteilnahme am Netzgeschehen war eher pflichtschuldig und beschränkte sich auf gelegentliche Likes. Vielleicht wollte ich einfach nur Wunden lecken: 20 Zentimenter Narbe sind ja schließlich nicht nichts. Wer nichts gibt, der nichts empfängt, dachte ich und wunderte mich nicht über meine Einsamkeit.

Ihr seid schon klasse, ihr alle

Aber dann waren da doch so viele, die mich nicht vergaßen: Adda fragte immer mal wieder über Facebook nach, schickte mir Bücher und Pralinen. Friedemann hielt mich über Whattsapp an der Hand. Johanna wollte wissen, wie’s mir geht, obwohl wir uns eigentlich nur durch Twitter kennen. Thats_life28 und Glückstigerchen (keine Ahnung, welche Echt-Namen dahinter stehen) wollten erfahren, ob es mir gut gehe und ob es bald wieder die Tageslosungen auf Instagram gebe. Mein Ex-Propst und mein Neu-Propst, die Kollegen vom ERW, Esther, Susanne, Anja, Christa, Ralf und Wiebke, Annelie, Katrin, Björn, Heike und Monika – in regelmäßigen Abständen meldeten sie sich und ließen mich wissen, dass ich nicht vergessen sei, auch wenn ich keinen Besuch wollte und aus eigenem Antrieb keinen Kontakt suchte. Und natürlich Andreas, mein lieber Mann – was wäre ich ohne ihn!

Zurück in die Wirklichkeit

Ich werde wohl morgen wieder mit den Tageslosungen beginnen. Dabei weiß ich noch nicht recht, wie ich es anfangen soll. Meine Krankenzeit begann mit einem Riesen-Segens-Schub auf Facebook. Es hat mich so sehr berührt, dass so viele Menschen mir ihre guten Wünsche mitgaben, es hat mich sehr getröstet, dass so viele mich virtuell begleitet haben. Es ist gar nicht leicht, davon zu schreiben, ohne pathetisch zu werden.

In den vergangenen Wochen habe ich nichts zu meinem Glück beigetragen, habe keine Freundschaften gepflegt, mich um niemanden wirklich gekümmert. All die Freundlichkeit – ich habe sie nicht verdient. Vielleicht ist es das, was mich Schlucken macht, bin ich es doch gewohnt, dass ich für alles arbeiten und kämpfen muss, dass mir nichts geschenkt wird. Ihr aber, ihr habt mir viel geschenkt. Und ich bin nicht sicher, ob ich all dessen würdig bin.

Unverdientes Glück

Auf dem Balkon meines Reha-Zimmers nistete ein Schwalbenpäärchen, und ich durfte zusehen, wie sie hektisch hin- und herrasten, um ihre gefräßige Brut zu ernähren. Immer mal wieder war eine Möwendaune unter den Schätzen, die sie ins Netz trugen. Und immer mal wieder rakten die Junge sie wieder raus, so dass sie durch die offene Terassentür in mein Zimmer schwebten. So ist das manchmal, habe ich gedacht. So kommt das Glück angeschwebt: vollkommen unverdient und auf ganz leisen Schwingen.