Raaben-Netz

Zeit für Zorn

Ich bin es leid. Ich will es nicht mehr lesen, nicht mehr hören, nicht mehr diskutieren: Kirche muss dies, Kirche muss jenes. Kirche muss Werte vertreten, Gemeinschaft pflegen, fromm sein und tolerant. Kirche muss jung sein, netzaffin, zugewandt, persönlich, wortgewaltig, zärtlich, offen, verbindlich, politisch aber nie parteipolitisch, nachhaltig, prophetisch, bibeltreu, modern und bei all dem aber niemals beliebig, sondern zuverlässig, treu und gesellschaftlich relevant. Es kotzt mich an.

Kirchenbashing

Das Kirchenbashing ist groß in Mode. Jeder tut es: interne und externe, alte und junge. Dass die da draußen es besser wissen, ist ja nichts Neues, dass wir uns selbst zerfleischen – und das in aller Öffentlichkeit – ….. ach, auch das ist nichts Neues. Bei Kirchens wusste immer schon jeder alles besser, Konkurrenz tritt oft an Stelle von Kollegialität, obwohl wir Pastorinnen und Pastoren das nun wirklich nicht nötig hätten. Und nun fange ich schon selber an…..

Der große Konsens

Ich halte dagegen: Kirche ist wunderbar. Sie ist voller Musik und voller Leben. Ich begegne täglich Menschen, die es gut mit mir, mit der Welt, mit dem Nächsten meinen. Es gibt den Konsens der Nächstenliebe, auf den jeder Christ, jede Christin verlässlich ansprechbar ist. Dass wir Grenzen haben, dass wir uns auch mal streiten, dass nicht jede mit jedem kann – das ist dazu kein Widerspruch.

Mehr als Gottesdienst

Es stimmt: Unsere Gottesdienste werden überwiegend von älteren Menschen aus der gut situierten Mittelschicht besucht. Wir tun viel dagegen: Wir bieten neue Musik an, wir gehen nach draußen, probieren neue Formate aus, beteiligen andere – nur junge und andere Menschen gewinnen wir dadurch selten. Aber Kirche ist mehr! Kirche ist Diakonie, sie ist Jugendarbeit, sie ist die Gemeinschaft der Haupt- und Ehrenamtlichen. Kirche ist doch überall da, wo Christen und Christinnen sich begegnen! Sie ereignet sich nicht nur im Gottesdienst, sie ereignet sich täglich.

Lasst mich mit dem Hochglanz-Kram in Ruhe

Ich will keine Hochglanz-Kirche. Ich will keine Plakate und keine dummbatzigen Werbeclips. Und ich will auch nicht, dass nur noch gutaussehende, junge, hippe PastorInnen auf die Kanzel dürfen. Ich will nicht noch mehr Overhead, keine strategische, von oben verordnete Öffentlichkeitsarbeit. Ich möchte, dass wir uns gesundschrumpfen und Kirche Jesu Christi neu entdecken. Der ganze Verwaltungsapperat, die unzähligen Sitzungen und Synoden, die ganze Juristerei – ich will das alles nicht mehr.

Kirche in Jesus-Latschen

Ich will Kirche in Jesus-Latschen. Zurück zur Bescheidenheit, zurück zur Armut. Ich wünsche mir diakonische Gemeinden, die für ihre Schwachen sorgen und die Hungernden nicht im Stich lässt. Ich wünsche mir eine Kirche, deren Professionalität Nächstenliebe ist und die jeden mit seinen Gaben und Grenzen wertschätzt – sogar sich selbst.

Aus Gnade sind wir selig geworden, nicht, weil wir die Größten und die Schönsten sind, sondern weil Gott uns liebt.