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Jeder Mensch ist schön

Ich brauche ein neues Porträtfoto. Beim Wort zum Sonntag schummle ich mich immer noch mit einem zehn Jahre alten Bild durch, das ich mal strahlend selbstbewusst in irgendeinem hellen Sommer vor einer Ewigkeit aufgenommen habe. Die Brille ist anders, die Haare sind grauer, und irgendwie bin auch ich nicht mehr die, die ich einmal war. Also: Es wird Zeit

Selbstporträts sind technisch aufwändig

Gut ist: Zwischen den Tagen hatte ich Zeit. Die braucht man für ein Selbstporträt. Das ist eine anstrengende Sache mit Stativ, Fernbedienung, Handy-App und Kunstlicht. Es dauert schon eine gute Stunde, bis alles soweit funktioniert, bis man sich endlich selbst im Bild sieht.

Mit diesen Haaren kann das nix werden

Und dann grinse ich dümmlich in die Kamera, die aus Sicht des Porträtierten nur ein dunkles Loch ist, wie ich feststellte. Nicht grinsen sieht aber noch dümmer aus. Das eine Bild ist zu hell, das andere zu dunkel. Alle, aber wirklich alle, sind schlicht schrecklich. Ich google nach Möglichkeiten, hässliche Menschen zu fotografieren. Da muss doch mit schmeichelndem Licht etwas gehen! Nichts geht. Am Ende immer ich. Mal schielend, mal unscharf, diese irren Haare bringen mich noch um den Verstand. Am Ende immer ich.

Vor meinen Augen der Zerfall

Am Computer die bittere Erkenntnis: Die Falten gehen auch mit Photoshop nicht weg. Das Doppelkinn – das gabs doch früher nicht?! Am Ende die Erkenntnis, was für ein brutaler Akt das Altwerden ist, zerstörerisch und hemmungslos, mein Körper, mein Gesicht – alles zerfällt vor meinen Augen. Und es gelingt mir nicht, das schön zu finden, dem Würde abzutrotzen. Es ist, was es ist: Schrott.

Ich hab euch versprochen, hier nichts schönzureden. Altwerden bedeutet, dass die körperlichen Resourcen abnehmen. Noch kann ich fachlich viel mit Erfahrung ausgleichen, mit Tempo und mit Effizienz. Aber rein äußerlich wird aus mir kein scharfer Feger mehr werden, nicht einmal eine attraktive Endfünfzigerin ist drin.

Jeder Mensch ist schön

Es ging ürigens nicht allein ums Bild. Ich wollte mit Licht und mit Technik experimentieren. Ich will das gut können, bevor ich mir jemand anderes vor die Linse hole. Denn das ist mein Anspruch als Fotografin: Jeder Mensch ist schön. Und es ist meine Aufgabe, diese Schönheit ins Bild zu setzen, ans Licht zu bringen. Und immer mal wieder gelingt das einfach so nebenbei ohne viel Technik und Schnickschnack. Und irgendwann gelingt das auch bei mir.