Vier fahrn nach Lodz

Otto Waalkes gehört eigentlich in jedes Predigerseminar. Nicht nur, weil Lachen gut tut und weil er so sehr komisch und so vielfältig begabt ist. Er hat bereits 1995 einen Kracher gelandet, der Generationen von Theolog*innen regelrecht aufgeweckt hat. Aus seinem Spot “Vier fahrn nach Lodz” lassen sich fünf No-Gos evangelischer Predigt ableiten. Hört und seht!

1. Wir alle haben unsere Sorgen und Nöte

Stimmt. Aber meine Sorgen und Nöte sind nicht deine Sorgen und Nöte. Ich weiß als Predigerin nicht, was meine Hörenden grade quält und beschäftigt. Darum kann ich auch nicht ihr Sprachrohr und nicht ihre Exegetin sein. Gerda Meyer hat grad mit Einsamkeit zu tun. Das weiß ich, weil ich mit ihr gesprochen habe. Ich kann aus dem Gespräch zitieren, ihr einen anderen Namen, ein anderes Alter geben. Ich male um sie eine Wohnung, setze sie auf ein imaginäres Sofa, gebe ihr die Kleidung, die zu ihr passt. Und dann erzähle ich ihre Geschichte so, dass sie nicht wiedererkennbar ist. Sie kann Symbol- und Identifikationsfigur werden. Aber ich sage nicht: “Wir alle haben manchmal mit Einsamkeit zu tun.” Das ist eine Verallgemeinerung, die niemandem hilft.

Wenn ich am Ende meine Predigten noch einmal lese, lege ich jedes “wir” auf den Prüfstand, ob ich es nicht ersetzen kann. Es ist das gefährlichste Wort evangelischer Gottesdienste. Warum sage ich nicht “Bitte, betet mit mir” statt “lasst uns beten” oder “wir beten für/um…”?

2. Vier fahrn nach Lodz

Banales muss banal bleiben dürfen. “Mir ist heute morgen ein Ei aus dem Kühlschrank gefallen.” Das passiert. Das ist keine Gottesbotschaft, das ist banal. “Inke hat mit dem Rauchen aufgehört.” – das wäre schön, wenn es wahr wäre, aber es hat keine Bedeutung für die Hörenden, die eventuell noch nie geraucht haben, es hat nur Bedeutung für mich. Es fällt Schnee? Ja, das haben alle irgendwie gemerkt. Damit will Gott uns nichts sagen, und längst nicht jeder findet das romantisch oder schön. Und man muss auch nicht vom Schnee auf den Klimawandel kommen.

Ja, natürlich komme auch ich vom Alltag auf die großen Themen, von dem, was mich persönlich beschäftigt auf das, was die Welt bewegt. Aber ich muss das im Kopf klar kriegen und in der Rede formulieren, dass das meine Wahrnehmung ist, dass das meine Gedanken sind, fehlbar und vorläufig.

Und by the way: Ich denke, dass es fair wäre, Gott richtig zu zitieren, nämlich aus der Bibel und sonst nicht. “Gott sagt zu dir: Ich hab dich lieb und wär so gern dein Freund” – wunderschön, würde ich sogar unterschreiben, ist aber irgendwie bäh. Ihn richtig zu zitieren bedeutet gleichzeitig, die Allgemeingültigkeit einzuschränken. “Bei Jesaja sagt Gott……” oder “Paulus hört……”, “im Matthäusevangelium sagt Jesus….” Hörende müssen die Freiheit entdecken, die in der biblischen Vielfalt liegt. Predigende müssen lernen, dass sie nicht Wahrheiten verkünden, sondern Räume öffnen.

3. Wer sind diese Vier?

Keine rhethorischen Fragen bitte! Hört einfach damit auf, auf Fragen zu antworten, die niemand gestellt hat. Rhetorische Fragen enthalten oft Subbotschaften, sie sind ein probates Stilmittel verführerischer Redner. “Wollt ihr den totalen Krieg?” – Finger weg von allem Manipulativem. Wenn Fragen in der Predigt vorkommen, dann sollten sie eine Einladung sein. “Habt ihr das auch schon mal erlebt?” – eine Einladung, über die eigene Geschichte nachzudenken. “Wie geht es euch eigentlich mit dieser Erzählung?” – eine Einladung, die eigenen Gedanken zu reflektieren. Bei Fragen in der Predigt sollte man immer und sehr ernsthaft damit rechnen, dass sich irgendwo in der letzten Reihe ein Finger hebt und dazu etwas sagen möchte. Mehr noch: Das wäre das eigentliche Ziel einer guten Frage. Aber “Was will uns diese Geschichte sagen?” lockt wirklich keinen Hund hinter dem Ofen hervor.

Kirchensprech ist ein eigenes Thema. Man muss sich gerne ab und zu bewusst machen, dass viele der Vokabeln, die so wichtig für uns sind, im Alltag der Menschen kaum mehr vorkommen oder anders besetzt sind. Gnade, Liebe, Erlösung, Barmherzigkeit, Vergebung und Sünde – unsere Kirchentreuen wissen damit viel anzufangen, für andere ist Kirchensprech Neuland und es braucht viele Jahre, um sie zu verstehen.

4. Da ist von einem Menschen die Rede.

Langeweile ist das Schlimmste aller Übel. Oft schalte ich bei Predigten schon während der ersten Minute ab und erwache erst wieder zum Amen. Wir haben die Geduldigsten Zuhörer der Welt: Gottesdienstbesucher sind bereit, sich eine Viertelstunde zu konzentrieren, ohne dabei Erdbeerkuchen zu essen oder ihre Nachrichten auf dem Smartphone zu checken. Dafür verdienen sie Lob und Dank und die allergrößte Anstrengung, möglichst auf gar keinen Fall langweilig zu sein. Guckt mal ins Fernsehen und bei Netflix, welcher Stilmittel sich Regisseure bedienen: Da ist das Bild, die Kamerafahrt und die Musik, da sind Cliffhanger und Abbrüche, verschiedene Erzählstränge, die sich oft erst gegen Ende verbinden, da ist ein langsamer Anfang, der Geduld fordert, und ein fulminantes Ende, bei dem man an Pippi-Machen nicht einmal mehr denkt. Das ist schlicht Erzähltechnik, die man lernen kann. Ich lerne von Fernsehen auch, dass Zuschauende gerne herausgefordert werden wollen. Sie wollen mitraten, wer der Täter ist, lassen sich gerne in die Irre und auf den Weg zurück führen. Wenn sie große Gefühle miterleben, braucht es eine sogenannte “Fallhöhe”, ein Auf und Ab, ein Hoffen und Zweifeln und ein Happy-End, aber das bitte erst zum Schluss!

Ich predige auch manchmal langweilig, und das tut mir dann immer sehr, sehr leid. Manchmal gelingt es mir nicht, die Zuhörenden mitzunehmen, manchmal hab ich die Ausstrahlung einer Pellkartoffel und kann nichts dagegen tun. Deswegen: Seid nicht zu streng mit uns, seid nicht zu streng mit mir. Ich bin mit mir selbst streng genug. Im Übrigen: Es wird in evangelischen Gottesdiensten viel zu wenig gelacht. Ein herzlicher Lacher pro Predigt wäre wirklich eine wunderbare Zielsetzung.

5. Es gibt Leute, die haben noch nicht mal einen Bart

Viele Geschichten, die ich höre, haben tatsächlich einen Bart. Wer oftin Gottesdiensten ist, kennt das ein oder andere schon. Und wenn der Predigende an die Stelle kommt, wo ihm noch eine Geschichte einfällt, ist das Ende der Rede nahe.

Es ist übrigens richtig schwer, in großen Kirchen “normal” zu sprechen. Viele Predigtallüren kommen daher, dass immer irgendwer nicht gut genug hört. Aber ihr Nicht-Theologen, versucht mal einen Text zu lesen, ohne dass er wie vorgelesen klingt. Das ist eine hohe Kunst, sie wird von Schauspielern in einem langen Prozess erlernt. Also auch hier: Seid nicht zu streng mit uns, wenn wir komisch oder pastoral sprechen. Aber ihr Kolleginnen und Kollegen: Hört nicht auf, an Spreche und Gestik zu arbeiten. Nehmt euch auf, lasst euch filmen! Wenn euch gefällt, was ihr hört und seht, ist es gut, dann ist es euer ganz eigener Stil. Aber ich brach nach meinen ersten Radio-Aufnahmen regelrecht zusammen vor Entsetzen, weil ich Konsonanten ausschliff und Pausen machte an Stellen, wo sie nicht hingehören. Leute, lernt sprechen! Das sage ich auch um eurer selbst willen und eurer guten Botschaft, die ihr so sorgsam ausgearbeitet habt. Es ist so schade drum, wenn sie pastoral vergeigt wird.

Predigen ist eine hohe Kunst

Meine Mutter hatte nie Verständnis dafür, wie schwer das ist, eine Predigt vorzubereiten und sie gut zu halten. Ich brauche tatsächlich oft immer noch fünf Stunden für die Vorbereitung, und das ist eigentlich zu viel in einem normalen PastorInnenalltag. Nicht selten muss ich zwei- oder drei Mal neu anfangen, weil ich mich in pastoralen und langweiligen Richtigkeiten verloren habe. Und manchmal musste ich mit einer grottenschlechten Predigt auf die Kanzel, die dann aber total gut ankam, weil ich mit dem Mut der Verzweiflung das letzte Hemd gab.

Wie gut, dass in vielen Kanzeldeckeln eine Taube als Symbol für den Heiligen Geist schwebt. Der nimmt mir zwar nicht die Arbeit ab, aber manchmal hilft er aus und am Ende ist alles an Gottes Segen.

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