31. Mai – was von den Tagen übrig blieb

Ein Vierteljahr Auszeit geht zu Ende. Das Sabbatical war einerseits geschenkte Zeit – mir ist bewusst, dass das nicht vielen Arbeitnehmern vergönnt ist -, aber es war auch verdiente und erarbeitete Zeit: Ich bin seit 30 Jahren im Pfarramt. Das bedeutet 30 Jahre Schicht- und Sonntagsdienst, 30 Jahre Rufbereitschaft, 30 Jahre ohne Überstundenausgleich und 30 Jahre am Limit und darüber hinaus. Ich bin dankbar für diese Auszeit, ich habe sie genossen und ausgeschöpft.

Auf Adelers Flügeln getragen

Ich habe viele Kilometer zurückgelegt: mit dem Flugzeug, mit Bus und Bahn und sogar mit der Fähre. Hinzu kamen 3000 Kilometer mit dem Fahrrad – ohne einen einzigen Sturz, ohne Unfall und ohne Panne. Was für ein Geschenk! Besonders eindrücklich war die Tour von Husum nach München. Ich war in Sevilla, Cordoba und Granada, in Istanbul, Verona, Ravenna, Split und zuletzt in Rom.
Es war spannend, quasi im Winter bei 6 Grad Minus los- und in den Frühling hineinzufahren. Jetzt im Mai sind die Temperaturen in Rom hochsommerlich und eine geschenkte Verlängerung guter Zeit.

Futter für die Seele

In dieser Zeit habe ich keinen einzigen Gottesdienst besucht. Es ergab sich nicht, weil ich die meiste Zeit im Ausland war, aber ich habe es auch nicht vermisst. Seit Corona komme ich mit den herkömmlichen Formaten nicht mehr gut zurecht. Es scheint mir zum Beispiel absurd, beim Abendmahl nach vorne statt auf den Nächsten/die Nächste zu sehen. Gründonnerstag und Karfreitag habe ich für mich allein gefeiert. Das war okay, aber ich habe mich nach digitaler Gemeinschaft gesehnt.

Seelenfreunde in dieser Zeit waren meine Kamera und meine Gitarre. Ich habe – obwohl nur die „kleine“ Sony mit mir unterwegs war – viele Bilder gemacht, über die ich mich freue. Meine Gitarre, ein eigens für diesen Zweck angeschafftes lautloses Instrument, hat mir Freude gemacht und ich bin gut vorangekommen. Und den Italienischkurs, der nicht zustande kam, habe ich mit einem Sprachkurs bei Babble ersetzt.

Zwischen Angst und (Über-)Mut

Manches habe ich nicht riskiert, zum Beispiel Ende März/Anfang April transalpin zu radeln oder in Kroatien die Küstenstraße bis Albanien zu fahren. Meine Bedenken hatten gute Gründe: verschneite Pässe sind nur eingeschränkt vergnüglich auf zwei Rädern, und in Kroatien waren die Reise-Anschlüsse sehr unsicher. Aber immer war da auch Angst im Spiel: die Angst zu versagen, zu scheitern oder schlicht zu stranden und nicht weiter zu wissen. Ich habe gelernt, dass meine Alltags-Ängste nicht allein an den beruflichen Herausforderungen hängen, sondern mit mir zu tun haben und mich auch weiterhin begleiten werden. Und trotzdem: Ich habe viel erreicht, viel gesehen und viel gewagt. Gerne will ich damit zufrieden sein und dieses Gutseinlassen auch für mein berufliches Leben lernen.

Der rote Faden

Ich habe viele Länder und Städte bereist. Es waren Sehnsuchtsorte dabei, andere Ziele ergaben sich unterwegs. Es hat mich selbst überrascht, dass ich dabei immer wieder dem Thema des Miteinanders der Religionen begegnet bin: Das Schicksal der Conversos, der in Spanien zwangsgetauften Juden und Muslime, hatte Folgen für das Osmanische Reich und den europäischen Kontinent. Weitere Ziele auf der Reise wären vielleicht Antwerpen – hierhin flohen viele Juden – und Nordafrika, das viele Morisken mehr oder weniger freundlich aufnahm. In Split begegnete ich Spuren der Christenverfolgungen, in Rom zeigte mir der Titusbogen prahlend den Raub der Jerusalemer Tempelschätze. Religion als Konfliktfeld, Religion als Gewaltherd und Pulverfass, Krieg als Folge von Menschenverachtung und Respektlosigkeit gegenüber allem, was heilig ist – das begegnete mir immer wieder.

Gedanklich habe ich mich dabei viel mit Institutionsentwicklung beschäftigt: Wie konnte aus der Kirche Jesu Christi dieser Verwaltungs-Koloss werden? Wie konnten wir so fehlgehen wie in der Inquisition, im Nationalsozialismus? Antisemitismus, Rassismus, sexuelle Übergriffe, Missbrauch, Homophobie und Frauenfeindlichkeit – was haben wir eigentlich an Bösem ausgelassen? Wie geht das Evangelium mit dem Populismus zusammen, und wie anfällig ist die Demokratie für den Populismus? Was macht Institutionswerdung aus Menschen, Ideen und Hoffnungen? Ich habe Lust, mich da tiefer hineinzudenken und nach Wegen zu suchen, wie Institution, Idee und Fortschritt zusammengedacht werden können.

Und die Arbeit?

Die war in guten Händen. Meine Facebook-Gemeinde versorgten Chrissie, Friedemann und Ilke. Thomas kümmerte sich liebevoll um den Auftritt des Kirchenkreises. Nicole versorgte Instagram mit den Tageslosungen, und Christian vertrat mich in allen anderen Angelegenheiten. Was vorher allein in meiner Hand lag, wurde jetzt auf mehrere Schultern verteilt. Das wird der Arbeit guttun. Ich bin gespannt auf die Impulse und Akzente, die sie setzten und neugierig, was wir von diesen Akzenten in die Zukunft bringen wollen.

Manchmal war ich in Sorge, ob ich nach dieser Erfahrung überhaupt wieder in den Arbeitsalltag zurückkehren könne. Wahrscheinlich kann ich. Aber ich freue mich auf die Rente. Es gibt mehr und anderes, und die Welt funktioniert auch ohne mich.

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