Rat zum Reden – braucht das wer?

Da ist es nun, fein blau und mit bunten Zahnrädchen verziert: mein blitznagelneues Zertifikat. Nunmehr bin ich also zertifizierte Kommunikationsberaterin.

Es ist nun ja so: Reden kann doch jeder, reden macht doch jeder. Und Kommunikation ist reden – brauchen wir wirklich für jeden Pups Beratung in dieser durchzertifizierten Welt?
Reden kann doch jeder, das ist richtig. Und doch macht es jeder verschieden: Ein Baby kommuniziert nicht mit Worten, sondern mit Lauten. Gehörlöse kommunizieren mit den Händen. Wir reden mit Gesten, Bildern, Mimiken, mit Texten, Zitaten, Informationen. Wir kommunizieren über Icons und Emojs. Wir bringen etwas zum Ausdruck durch die Kleidung, die wir tragen, durch die Art, wie wir gehen, durch Blicke, die wir teilen.
Kommunikation ist kompliziert. Und je größer eine Organisation ist, je mehr Individuen nach einer gemeinsamen Sprache und Ausdrucksform suchen, desto komplexer wird sie.

Und dann kommt noch dieses digitale Dingens, dieses Internet. Und Kirche muss irgendwie kommunizieren lernen in der noch so jungen digitalen Wirklichkeit. Und ich steh da mit meinem neuen Zettelchen. Was soll ich ihr raten?

Ein paar Gedanken dazu:
1. Das Digitale macht dich nackicht.
Es ist schon einige Jahre her, dass ich zum ersten Mal meinen Namen googelte und erschreckt feststellte, dass Google ein komplettes Persönlichkeits-Profil von mir hat. Inzwischen sind noch die sozialen Netzwerke dazu gekommen, und ich merke: Wenn ich nicht gläsern werden will, muss ich die Informationen, die über mich rausgehen, kontrollieren. Und ich muss mich fragen: Wer bin ich eigentlich? Kirche, wer bist du eigentlich?

2. Das Digitale demokratisiert dich
In der digitalen Welt kommen Stimmen und Meinungen zu Wort, die wir bisher in der Kirche gut ignorieren konnten und das auch fleißig taten. Wir können den kritischen Stimmen nun nicht mehr ausweichen, aber wenn es gut läuft, werden sie unser Profil schärfen. Du kannst in dieser neuen Zeit nicht mehr jedermanns Liebling sein, liebe Kirche. Du musst jetzt Gesicht zeigen und aushalten, dass andere anders denken, glauben und leben.

3. Das Digitale differenziert dich
Es macht absolut deutlich, dass du nicht mit jedermann auf die gleiche Art und Weise kommunizieren kannst: Kinder brauchen eine andere Ansprache als Jugendliche, Bildungsbürger suchen anderen Trost als Bildungsferne. Liebe Kirche, du hast noch nicht einmal angefangen, das zu Ende zu denken! Es wird die eine Gemeinde für alle Generationen und alle Bedürfnisse nicht mehr geben. Es ist Zeit, meine Liebe, Zeit zum Aufbruch.

4. Das Digitale braucht dich
Wie nie zuvor werden wir von unseren Möglichkeiten überholt. Wir erhalten mehr Informationen als wir verarbeiten können. Filterblasen bedrohen Allgemeinbildung, Toleranz und weite Horizonte. Wir tippen schneller als wir denken. Unsere jungen Leute kümmert es nicht, aber das Netz vergisst nicht! Wir kommunizieren schneller als wir reifen. Das Digitale braucht eine digitale Ethik. Wer, wenn nicht du, liebe Kirche, sollte da aufmerken?

In Real-Life muss ich jetzt erst einmal mit meinem kleinen Kirchenkreis kleine Schritte gehen. Und mit ein bisschen Glück verschafft das blaue Zettelchen mir etwas mehr Gehör.

By the way: Meine Schwester, die sonst NIE postet oder kommentiert, war fasziniert von der Zahnrädchen-Symbolik. “Sind da nicht auch ein paar überflüssig?”, schrieb sie. Manche, so scheine es ihr, brächten das Getriebe sogar zum Stocken.

So ist das mit der modernen Kommunikation. Da greift eins ins andere. Einfacher wird das dadurch nicht.

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