Raaben-Netz

Warum ich NICHT lokal einkaufe

Ich weiß, es ist gaaaanz böse: Ich kaufe viele Dinge online. Gerade bin ich durch Husum gelaufen, alle Läden sind geschlossen, und es macht mir nichts aus. Im Gegenteil. Schon vor langer Zeit habe ich mich für den Online-Handeln entschieden und ignoriere tapfer alle Buy-Local-Initiativen. Ich habe dafür gute Gründe.

Foto-Technik

Ich fotografiere professionell. Das meint nicht, dass ich eine tolle und super qualifizierte Fotografin bin, aber ich verdiene nun mal mein Geld damit. Fotografieren ist Teil meines Berufs, man erwartet von mir gute Bilder, und ich liefere sie gerne. Das geht aber nur mit einer professionellen Ausstattung. Schon früh informierte ich mich vorher im Netz, was es gibt, guckte bei Traumflieger und anderen Foren, was welche Vor- und Nachteile hat. Und früher war ich noch ambitioniert, auch lokalen Anbietern eine Chance zu geben. Aber seit man mir im sogenannten “Fachhandel” ein veraltetes Gerät völlig überteuert als den Superrenner anbot, geh ich da schlicht nicht mehr hin.

Bücher

Ich bin alt, meine Augen werden immer schlechter. Ich kann ein Buchbuch einfach nicht mehr lesen, und ich will die Dinger auch nicht mehr rumstehen haben. Also völlig klar: Ich lese elektronisch auf dem Reader oder dem Tablet. Früher habe ich noch beim Amazon ausgesucht, bin dann zum lokalen Buchhandel auf die Webseite und hab da gekauft. Beim letzten Mal habe ich zwei Stunden gebraucht, um das Buch zu laden. Als ich mich per Email bitter darüber beschwerte, dass das System so kompliziert sei, hat man mir nicht einmal geantwortet. Seitdem ist auch das vorbei.

Unterhaltungs-Elektronik

Im vergangenen Jahr brauchten wir einen neuen Fernseher. Dasselbe Spiel, dasselbe Unglück: Im Internet hab ich mich informiert, aber dann im “Fachhandel” feststellen müssen, dass es weder Beratung noch gute Geräte gab. Wozu laufe ich mir die Füße wund, wenn ich es doch im Netz für einen Klick nach Hause geliefert bekomme?

Etwas anders ist es mit Büro-Elektronik. Wir haben hier einen hervorragenden IT-Betrieb, der schlicht die besten Komponenten hat, die beste Beratung bietet und darüberhinaus auch noch fair im Preis ist. Aber am Tresen stehen lauter junge Männer, die das sichtbar mühsam finden, sich mit einer alten, weißen Frau abzusabbeln. Wenn ich da hingehe und denen erkläre, was ich brauche, gucken sie mich an, als wäre ich bescheuert. Bin ich aber nicht. Ich weiß genau, was ich will und was ich brauche. Trotzdem: Da könnte ich, da sollte ich öfter kaufen. Aber im Netz gibt mir niemand die Blöße, niemand fragt mich nach meinem Alter und niemand denkt heimlich, dass ich für das, was ich brauche, in Wirklichkeit ein bisschen zu blöd bin.

Geschenke

Geschenke sind wirklich ein heikles Thema: Wenn es um Weihnachten und Geburtstage geht, suche ich nach Inspirationen und nach neuen Ideen. Aber Husum hat nur so Allerweltszeugs, das nutzt mir einfach nichts, und Rumsteh-Deko, die ich doof finde. Ich gebe zu: Gerade zu Weihnachten will ich es fix von der Hand haben, ich hasse das Gewühl in der Stadt und nach dem siebsten Jingle-Bells überlege ich ernsthaft, mich einer Terror-Miliz anzuschließen. Ich ertrag diese Konsum-Scheinheiligkeit, das Engelgewese und bärtige Männer in roten Mänteln einfach nicht.

Möbel und Lampen

Es tut mir wirklich leid, aber ich will diese stereotypen Wohnwände, diese einfaltslosen Hängelampen und die brutalen 3-2-1-Garnituren nicht. Ich mag das deutsche Wohnzimmer nicht und noch weniger die deutschen Ehebetten, über die man eigentlich auch noch ein deutsches Bild hängen muss. Noch habe ich kaum Möbel online gekauft, aber ich sehe auf Dauer für mich keine Alternative zum Versandhandel.

Musikalien

Ich geb ziemlich viel Geld für Musik aus: Boxen, Soundkarten, Gitarrensaiten, Mikrofone – da ist eine gewisse Neigung zur Unersättlichkeit festzustellen. Es dauert mich um jedes Instrument, das ich nicht besitze, am liebsten hätte ich sie alle. Als es meinen Lieblingsmusikalien-Händler noch gab, bin ich mit meinen Träumen zu ihm gekommen. Oft hatte ich auch schon im Netz ausgesucht und dann bei ihm gekauft – zum selben Preis übrigens wie bei Thomann. Meinen Lieblings-Musikalien-Händler hat das Netz leider kaputt gemacht, und ich fühle mich ein bisschen mitschuldig, obwohl ich mein Bestes gab. Ich vermisse ihn sehr.

Was mich nervt

Der Einzelhandel beklagt sich über das böse Internet, das ihm das Geschäft wegnimmt. Aber wir leben in einer Marktwirtschaft. Der Einzelhandel muss sich umstellen. Vor Ort bräuchte ich originelle Produkte, Kunsthandwerk, Klamotten, die ich bei Zalando nicht kriege oder persönliche Beratung, die das Netz nicht leisten kann. Unsere Husumer Buchhändlerin zum Beispiel kennt mein ganzes Netzwerk. Die weiß, welches Buch Friedemann schon von jemand anderem bekommen hat oder welches er schon kennt. Da kann das Netz nicht mithalten.

Ich kann mir auch Versandstellen so wie früher die vom Otto-Versand vorstellen: Da hole ich ab, was ich bestellt habe und kann es auch gleich wieder zurückschicken. Die könnten mir Beratung über Artikel vermitteln, die ich bestellen kann, echte Fachberatung. Denn wirklich gute Fachberatung ist, das habe ich verstanden, lokal bei der Fülle der Produkte gar nicht mehr möglich.

Ich kann nicht begreifen, dass man in den Buchläden noch nicht über einen Smartphone-Scan einkaufen kann: Ich möchte mir Bücher ansehen und vor Ort kaufen, aber dann müssen sie mit dem Kassenbon auch auf meinem Reader erscheinen. Das kann doch nicht so schwer sein!

Ich bin wirklich keine Shopping-Queen und sicher nicht das Maß aller Dinge. Ich hasse einkaufen und tue es nur, wenn ich muss. Die Welt verändert sich nun mal, und sie wird nicht wieder werden, wie sie mal war, nur weil ich lokal einkaufe. Die Buy-Local-Initiativen können den Wandel nun mal nicht aufhalten. Es gibt wirklich viele Dinge, die das Netz mir nicht bieten kann: Handwerk, Betreuung, Theater, Improvisation, Unverhofftes, Spontanität, Berührung und Bässe, die in meinem Herzen wummern. Ihnen gehört die Zukunft vor Ort.