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Wer werden wir sein nach Corona?

Wer werden wir sein nach Corona? Die Corona-Krise ist mehr als eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Notsituation. Sie bringt uns in Unruhe und gleichzeitig zur Besinnung. Was ist denn wirklich wichtig für uns, für Gott, für die Kirche und für die Menschen? Lasst uns nachdenken.

Matthäus 28, 16ff: Der Verkündigungsauftrag

Wir haben einen Verkündigungsauftrag, und der steht bei vielen von uns an erster Stelle (vgl. EKD 1999) . Irgendwie logisch: Wir haben lange studiert, sehr lange. Und beim Studium ging es im Wesentlichen um Bibel, Theologie und Kirche – da haben wir ein breites, exklusives Fachwissen. Wer wollte nicht gerne diese Profession auch leben und von ihr erzählen? Verkündigung gehört zu unserem Kerngeschäft in Gottesdiensten, Andachten, Amtshandlungen und im Konfirmandenunterricht.

Zurzeit erleben wir Verkündigung auf vielen verschiedenen Kanälen: Sie geschieht über Live-Streams oder auf Facebook, viele Gemeinden haben einen Youtube-Kanal eröffnet und stellen Video-Produktionen ihrer Gottesdienste online. Es gibt sogar Angebote von Stellvertreter-Gottesdiensten, bei denen der Pastor/die Pastorin vor leere Kirche allein feiert. Wir verlassen Gewohntes, probieren Neues und experimentieren mit Kommunikationstechniken, die wir vorher für nicht so nötig hielten. Die Klickzahlen machen uns Mut: Offenbar werden unsere Beiträge gesehen. Wir bekommen Rückmeldungen und Dank von Menschen, die wir aus dem Gemeindeleben kennen.

Wir entdecken: Auch im digitalen Raum geschieht Gemeindearbeit, und zwar im Sinne von Ortsgemeindearbeit. Das ist etwas anderes als das, was bisher als Digitale Kirche verstanden wurde: In der Digitalen Kirchen entstehen digitale Glaubens- und Gebetsgemeinschaften völlig losgelöst von lokalen Bezügen. Der neu entstandene Verkündigungsdienst ist Ortsgemeindearbeit im digitalen Raum.

1. Johannes 4, 7ff: Der Gemeinschaftsauftrag

Und damit bin ich beim nächsten Thema: Wie entsteht denn Ortsgemeinde, was konstituiert sie? Sie entsteht seltener aus unserem Verkündigungsauftrag, sondern viel öfter aus unserem Gemeinschaftsauftrag. In den Ortsgemeinden gibt es Seniorenkreise, Musikgruppen, Chöre, Konfirmandengruppen, Helferinnen und vieles mehr an Gemeinschaftsstiftung. Zu unseren Gottesdiensten kommen viele Menschen, die auch in anderen gemeinschaftlichen Bezügen der Kirchengemeinde engagiert sind, den meisten begegnen wir mehrfach. Verkündigung im digitalen Raum scheint leicht, aber sie nährt sich aus der analogen Gemeinschaft. Die digitale Realität sieht anders aus. Da kann nur Zahlen generieren, wer wirklich gut oder sehr originell ist. Wie machen wir das mit der Gemeinschaft, wenn wir einander nicht mehr begegnen können? Und zeigt nicht die Krise, dass Gemeinschaft das ist, was am meisten fehlt, was durch nichts, auch durch den professionellsten Fernsehgottesdienst nicht, ersetzbar wäre?

Matthäus 25, 45: Der Dienstauftrag

Den Auftrag zu tätiger Nächstenliebe haben wir weitestgehend delegiert: Es gibt Diakonie-Stationen, Pflege-Einrichtungen, Beratungsstellen, Tafeln, Krankenhaus-Seelsorge und so sehr vieles mehr. All das ist hochprofessionell und unersetzbar. Aber es gibt ein großes Bedürfnis unserer nicht-professionellen Gemeindeglieder, auch in tätiger Nächstenliebe als Christ oder Christin sichtbar zu werden. Sie tragen Gemeindebriefe aus, kochen Kaffee, machen Besuche und tun viel Schönes – aber die ersten Zubringer-Hilfsangebote in der Corona-Zeit kamen zumindest in Husum von anderen.

Wie kann eine diakonische Gemeinde aussehen? Wie können die professionellen Hauptamtlichen der Diakonie sich mit Gemeinde vernetzen und ihre Kapazitäten besser nutzen? Klar ist: Diakonie geht nicht virtuell, Diakonie macht man mit Haut und Haaren. Da sind Menschen und viele Hände gefragt – und sie sind gerade in dieser ach-so-virtuellen Zeit nötiger als je.

Was lernen wir aus Corona?

Ich stelle fest: Wir haben keinen Bau-Auftrag, keinen Verwaltungsauftrag und keinen Sitzungsauftrag, sondern wir haben einen Verkündigungs-, einen Gemeinschafts- und einen diakonischen Auftrag.

Plötzlich gehen Online-Konferenzen, was vorher irgendwie undenkbar war. Wir fahren weniger Auto, brauchen weniger Räume, trinken weniger Kaffee und sind endlich von den elenden Schnittchen und den billigen Keksen befreit. Ich atme auf. Wir konzentrieren uns. Was ist nötig, was muss entschieden werden, wieviel Gottesdienst brauchen wir wirklich? Und wir stellen fest: Der Gottesdienst ist nicht systemrelevant. Ihn kann es auf vielen Kanälen von vielen Playern geben. Aber Kirche ist systemrelevant: Wir brauchen, gerade in der Krise, Gemeinschaft, Solidarität und Nächstenliebe, nirgends ist das besser verortet als bei uns. Jahrzehntelang haben wir den Gottesdienst als die Mitte der Gemeinde verstanden, und in ihm das Ziel und die Erfüllung unsere Auftrags gesehen. Vielleicht ist es andersherum: Der Gottesdienst erwächst aus der Gemeinschaft, und die tätige Nächstenliebe ist ein feineres Gotteslob als unsere spröden Gesänge?

Neuordnung der Prioritäten

Stellen wir den Gemeinschaftsauftrag in die Mitte unserer Theologie und unserer Kybernetik, kommen wir zu anderen Ergebnissen: Welche Beschlüsse sind nötig, um die Gemeinschaft in Gemeinden und Gesellschaft zu fördern? Welche Gremien brauchen wir dazu, welche übergemeindliche Professionalität? Wie müssen unsere Gebäude aussehen, damit Gemeinschaft in ihnen stattfinden kann? Wie kann Gemeinschaft über das kleine Dorf hinaus entstehen, wie geschieht Gemeinschaftsbildung in Regionen? Kann Diakonie der hermeneutische Schlüssel sein, über den wir uns neu erfinden?

Kurzum: Bisher haben wir den Verkündigungsauftrag in die Mitte gestellt. Verkündigung allein kann aber, das sehen wir grade eindrucksvoll, auf viele Weise und auf vielen Kanälen geschehen. Stellen wir die Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern im christlichen Glauben in die Mitte, gewinnen wir Freiräume, die wir neu und mit anderen gestalten können.

By the way: Auch die Gesellschaft muss sich neu sortieren, Fridays for Future fordert es lautstark, und das Virus setzt es um. Müssen wir so viel fliegen, so viel kaufen, so viel besitzen? Können wir nicht doch zurück zu einem einfacheren Leben? Und diese Frage muss sich auch Kirche gefallen lassen im Blick auf ökumenische Begegnungen, auf Ausstattungen, auf Übergemeindlichkeit und Verwaltung: Können wir wirklich nicht zurück zu einer Kirche Jesu Christi?

Butter bei die Fische?

Ich hab mehr Fragen als Antworten, das merke ich selber. Und wenn ich die Dinge zu Ende denke, komme ich an Grenzen: Wie ist das mit unseren Mitarbeitenden? Wie geht das mit Kirche in Gesellschaft und Politik? Und: Ist nicht doch das Bedürfnis der Menschen, dass alles wieder so werden möge wie früher? Aber ich möchte eine andere Kirche denken dürfen. Kann sein, dass wir mit neuen Gedanken nicht weiterkommen. Es kann aber auch sein, dass Neues wie eine Saat aufgeht – irgendwann und irgendwo.